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Daachszitt „De Daachszitt sohn“ (die Tageszeit sagen = grüßen) wenn man sich begegnet, ist einer der wenigen schönen Bräuche unserer Kinderzeit, die bis heute im Eifeldorf erhalten geblieben und noch nicht in der Namenlosigkeit der Stadt untergegangen sind. Morje, Tach, n´Ovend, Nääch, – wie allgemein üblich, lassen auch wir den Zusatz „guten“ der Einfachheit halber weg, nur bei „n´Ovend“ setzen wir das n voran, weil sich das besser aussprechen lässt. Nach Möglichkeit fügen wir auch den Namen unseres Gegenübers an, das klingt freundlicher, persönlicher. Begrüßen wir eine Personengruppe und wollen besonders freundlich sein, lautet der Gruß beispielsweise „Jooden Oovend zesamme.“ Für uns Kinder war de Daachszitt Pflicht. Freilich durften wir die Erwachsenen nicht mit Du und dem Namen anreden. Für uns hieß es stattdessen „Tach Schmette Ohme“ (Onkel) oder „n´Ovend Lenze Tant.“ Das hochdeutsche „Herr“ oder „Frau“ kam für uns nicht in Frage. Zwei Ausnahmen gab es aber doch: Den Lehrer hatten wir mit dem „deutschen Gruß“ und dem Zusatz „Herr Lehrer“ anzureden, beim Pastor war „Grüß Gott, Herr Pastor“ vorgeschrieben. Im Übrigen waren die erwachsenen Dorfbewohner für uns Pänz generell „Ohme“ oder „Tant,“ was heute noch allgemein beim „Onkel Doktor“ in Erscheinung tritt. Bei uns daheim war sogar zum Ausdruck der Achtung „Schlemmesch Vatter“ oder „Kaue Motter“ als Anrede an die Nachbarsleute üblich.
Daachtreps (weiches e) Dachtraufe, abgeleitet von Treps = Tropfen. Das Eifelhaus besaß früher keine Dachrinne. Als Kind wollten wir rasch erwachsen werden und Mam empfahl: „Stell dech en de Daachtreps, dann wiëschde (wirst du) jruëß.“ Wenn es am Waschtag regnete, wurde die große Zinkwanne unter die Daachtreps gestellt: Das Regenwasser war besonders „weich“ (weil destilliert) und sauber, und man ersparte sich das Wasserschleppen vom Bach herauf. Wir hatten damals keine Wasserleitung, kannten aber auch keinen sauren Regen.
dämmele Das Wort bedeutet „niedertreten, niedertrampeln“, im weitesten Sinne allgemein laufen oder trampeln. Wenn im ersten Stock Gerenne war und die Decke bebte, ereiferte man sich im Parterre: „Wat oß dat für e Jelöufs (Gelaufe) do owwe, wat dämmelen die do eröm“. Gefürchtet war bei uns Pänz das Wort dämmele im Zusammenhang mit dem Heu abladen in der Scheune. Da nämlich mussten wir auf dem Heustall das sperrige frische Heu durch ununterbrochenes Darüberlaufen „nierdämmele“ (niedertreten). Das spielte sich zum Schluß hoch oben unter den sommerheißen Dachpfannen ab, zwischen meterlangen Spinnweben und unter Wespennestern mit angriffslustigen Bewohnern. Hitze, Schweiß, Staub und von der Tenne herauf die Mahnung „Nu jö, ens jät monter do owwe“, wenn man einmal zu verschnaufen trachtete. Heudämmele war eine Qual.
danndohn (hartes „an“, wie in „Tann“) „Dohn dir dat Booch ens joot dann, späder boste fruh drmot“ (Heb dir das Buch mal gut auf, später hast du Freude daran) meinte Jött und schenkte mir Karl May´s „Winnetou.“ Das Buch bestand aus acht oder mehr Einzelheften und wäre heute eine Rarität. „Danndohn“ bedeutet wörtlich „wegtun, forttun,“ wobei der früher übliche Ausdruck „von dannen“ offensichtlich Pate gestanden hat. Eine weitere Bedeutung hatte danndohn im Sinne von „wegstecken.“ Da wetterte beispielsweise Ohm Mattes: „Jetz hät os doch dä Fuss ad zwei Hohner vüer dr Nas fottjehollt, dat moßte dir ens danndohn!“ (Jetzt hat uns doch der Fuchs schon zwei Hühner vor der Nase weggeholt, das musst du dir mal wegstecken). Und Jannespitter, der ihm das nicht glauben mochte, wehrte ab: „Hüer op, Mattes, do häßte äwwer noch ens ejne dannjedohn.“ (…da hast du aber wieder mal einen von dir gegeben).
Dännebetz Tannenzapfen, allgemein das Samengehäuse der Nadelbäume. Die Dännebetz war bei uns speziell der Fichtenzapfen: Dänne (Tannen) war und ist die landläufige Bezeichnung der Fichten. Trockene Dännebetze wurden häufig als Brennstoff für den Küchenherd benutzt. Die Betze entfachten im Handumdrehen ein Höllenfeuer, das beispielsweise beim Riewkoochebacke (Reibekuchenbacken) erforderlich war. Sie verbrannten allerdings sehr rasch, es mußte häufig nachgelegt werden. In 1996 trug unser Weihnachtsbaum den prächtigsten Schmuck, den man sich denken kann: mehr als 50 natürliche Dännebetze. Wegen der Zapfenlast mussten die Äste einzeln hochgebunden werden. Künstlicher Baumschmuck war da kaum erforderlich und unser Wohnzimmer duftete köstlich nach Fichtenharz. Die zwei Meter hohe Spitze einer gut gewachsenen mittleren Fichte war ein Geschenk des Forstbeamten.
Dejßem Das Wort bedeutet „Sauerteig“ und ist in der Eifel weit verbreitet, regional ist auch „Deeßem“ üblich. Der Begriff scheint auf den ersten Blick ungewöhnlich, ist aber einfach zu erklären: Der Sauerteig heißt in Holland „Desem.“ Unser ripuarischer Dialektraum hat bekanntlich sehr viele Ausdrücke aus dem Niederländischen übernommen. Etwa alle drei Wochen wurde bei uns daheim Brot gebacken. Zwei Tage vorher setzte Mam im krugähnlichen Stejndöppe (Steintopf, Keramikgefäß) den Dejßem an, der als Triebmittel fürs Roggenbrot erforderlich war. Aus Roggenmehl, Wasser, Milch und Hefe knetete sie einen faustgroßen Klumpen, der im abgedeckten Döppe zwei Tage „ziehen“ mußte. Am Backtag wurde der fertige Dejßem in der hölzernen Mool (Backtrog) dem Brotteig beigegeben, der bald mächtig opjing (aufging) und manchmal die ganze Mool ausfüllte. Unser Koorbruët (Korn-, Roggenbrot) wurde im kühlen Keller aufbewahrt, schimmelte nie und war selbst nach drei Wochen noch genießbar.
denoovend „Abend“ heißt in Dörfer Dialekt Oovend, „denoovend“ ist eine Zeitbestimmung und bedeutet „diesen Abend, heute Abend,“ regional ist auch höck Oovend gebräuchlich. Die holländischen Nachbarn sagen „vanavond,“ die Wortverwandschaft ist unverkennbar. „Denoovend“ war für uns Pänz gelegentlich mit einer dumpfen Drohung verbunden, sofern wir nämlich wieder einmal etwas aanjestallt (angestellt) hatten: „Waat nur, bos Pap denoovend kött“ (Warte nur, bis Vater heute Abend kommt), lautete Mutters düstere Ankündigung drohenden Unheils. „Pap“ war aber meistens müde von der Arbeit und nicht dazu aufgelegt, sich mit unseren kindlichen Schandtaten herumzuärgern. Bedrohlich war die Situation nur dann, wenn wir etwas tatsächlich Schlimmes angestellt hatten.
Dier jare Wörtlich: „Tier jagen,“ ein uralter Eifeler Brauch, eine Art Selbstjustiz bei Vergehen gegen die ungeschriebenen Gesetze der Dorfgemeinschaft. Vor dem Haus des Übeltäters wurde abends mit einer Well (Ackerwalze) und ähnlichem Gerät ein Heidenlärm veranstaltet, die Schandtaten wurden lauthals bekannt gegeben und Spottverse zitiert. Nicht selten kam es beim Dier jare zu Tätlichkeiten, in Blankenheimerdorf wurden beispielsweise in der Nachkriegszeit einmal die Glasscheiben des Windfangs an einer Haustür zertrümmert, Vater hatte einen ganzen Tag mit der Reparatur der Rütte (kleine Fensterscheiben) zu tun. Der Brauch ist wegen derartiger Ausschreitungen längst verboten, in Blankenheimerdorf wurde zum letzten Mal Anfang der 1960er Jahre im Ortsteil Kippelberg et Dier jejaach.
Dilldopp Ein im gesamten Rheinland bekanntes Wort für „Kreisel“. Der Dilldopp war noch bis in die Nachkriegszeit ein beliebtes Spielzeug. „Dill“ heißt soviel wie „sich schnell drehen“ und „Dopp“ ist die Bezeichnung für einen spitz zulaufenden Gegenstand, einen Kegel. Der echte Dilldopp unserer Kinderzeit war aus Buchenholz und besaß an der Spitze einen blanken Nagelkopf als Lauffläche. Die ursprüngliche Lackfarbe war durch häufigen Gebrauch nur noch ansatzweise vorhanden. Der Kreisel wurde mit der selbstgefertigten Dilldoppschmeck (Peitsche) in Gang gehalten. Manchmal verhedderte sich die Peitschenschnur, der Dilldopp kam aus der Bahn und donnerte schmerzhaft gegen das Schienbein des Spielkameraden oder im schlimmsten Fall durch die nächste Fensterscheibe. Das zog dann Ärger nach sich.
Dobbel (kurzes weiches o) Als Verpflegung beim Viehhüten gab uns Mam (Mutter) eine „Dobbel“ mit auf den Weg. Das waren zwei Brotschnitten, dick mit Butter bestrichen, mit Schinken belegt und aufeinander geklappt, eine „Doppelschnitte.“ Den Belag verzehrten wir pur, die Schnitten wurden auf einer Astgabel am Weidefeuer geröstet, die geschmolzene Butter machte unsere „Toastschnitten“ zur echten Köstlichkeit. Im südlichen Teil der Gemeinde Blankenheim hieß eine Doppelschnitte Dubbel, das holländische Wort für „doppelt“ ist „dubbel,“ den Ausdruck haben wir also in unseren Dialekt übernommen. Zwei Schnidde dobbel jeschlohn (geschlagen), dat os en Dobbel, heißt die Blankenheimerdorfer Definition.
Dollschlaach Ein auch heute noch gängiges Wort für einen Menschen, der lauter lustiges Zeug im Kopf hat. Der Dollschlaach ist ein „lustiger Vogel“, ein Schelm, der geradezu vor Witz und Übermut sprüht. Er ist wegen seines ständigen und unverwüstlichen Humors bei den Leuten im Dorf beliebt. Auch wenn er gelegentlich mit versteckter Ironie seine Meinung sagt, kann ihm keiner böse sein. Ein echter Dollschlaach und angenehmer Mitmensch war der im August 1988 im Alter von nur 51 Jahren verstorbene Blankenheimerdorfer Heinrich Klaßen, im Dorf allgemein nach seinem Elternhaus Austengs Hein genannt. Er war der geborene Karnevalist, wenn er die Bühne betrat, tobte der Saal.
Drinche (gedehntes i) Das Wort war früher die Koseform von „Drin“ und das wiederum war einer von mehreren Mundartausdrücken für „Katharina.“ Unserer Standardsprache angemessener wäre „Trin“ und „Trinchen,“ das aber entspricht nicht der Eifeler Sprechweise. Vor 40 Jahren lebte im Ortsteil Keppelberch in Blankenheimerdorf Katharina Bertram, ortsüblich „Lenze Drin“ genannt. Sie war die geborene Karnevalistin und ein Ass als Büttenrednerin. In den Dörfer Karnevalssitzungen stieg sie als „Katharina van Lenze“ auf die Bühne und begeisterte ihr Publikum mit urigen Mundartvorträgen. Ihren „Künstlernamen“ hatten ihr die „Gemötliche Dörfer“ (Karnevalsverein) in Anlehnung an die Schlagersängerin Catherina Valente verliehen. Ihre Söhne Helmut und Arthur waren in ihrer Jugend Tanzmajore in der Dörfer Funkengarde. Lenze Drin starb im Februar 1978, auch Helmut und Arthur sind nicht mehr unter uns.
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